Triathlon & Effectuation: passt das?

Auf diesem Blog geht es um meine Leidenschaft für Triathlon. Je länger ich mich allerdings mit Training, Wettkämpfen, Zielen und Visionen im Sport beschäftige, desto mehr sehe ich auch Parallelen zu dem Thema, mit dem ich mich in meinem Berufsalltag beschäftige. Bei der bwcon GmbH leite ich den Bereich Innovationsprogramme und in meinem xing-Profil finden sich Begriffe wie Unternehmerausbildung, Startups und die Exploration neuer Geschäftsfelder.

Die unternehmerische Methode, auf die ich mich in der Unternehmerausbildung spezialisiert habe, nennt sich Effectuation. Sie basiert auf Feldforschung dazu, wie erfolgreiche Unternehmer denken, entscheiden und handeln. Die Gründerin Professor Saras Sarasvathy stellte fest, dass im Gegensatz zu gängigen Management-Theorien erfolgreiche Unternehmer überraschenderweise nicht mit einem klaren Ziel im Kopf starten. Statt dessen schreiten sie ausgehend von ihren individuellen Mitteln Schritt für Schritt voran und erschließen so einen anfangs recht vagen Vorhabensraum. Das Ziel ist noch unbekannt.

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Eure erste Reaktion ist nun vielleicht, dass diese Methode ja so ganz und gar nicht zu Triathlon und Leistungssport passt. Triathleten haben doch ein klares Ziel vor Augen. Die nächste Bestzeit, die erste Langdistanz, die Hawaii-Qualifikation. Dafür braucht es einen klaren Plan, der möglichst alle zufällig einströmenden Widrigkeiten ausschließt.

Das war auch mein erster Reflex. Als ich mir Gedanken über konkrete Beispiele für einen Gastbeitrag zu Effectuation an der Hochschule Augsburg machte, wollte ich Triathlon zunächst als Beispiel dafür anführen, dass Effectuation nicht in allen Lebens- und Arbeitsbereichen zum Tragen kommt, sondern dass situationsabhängig auch ein planerisches Vorgehen gefragt ist. Ich versuchte dann meine eigene Triathlon-Erfahrung in Stichworten in einen planerischen Rahmen zu bringen. Dabei stellte ich allerdings fest, dass ich auch beim Triathlon nach den Effectuation Prinzipien vorangeschritten bin. Anlass für mich, die vier Effectuation Prinzipien am Beispiel Triathlon durchzudeklinieren. Zum einfacheren Verständnis werde ich die Effectuation Prinzipen der Management Logik bzw. kausalen Logik gegenüberstellen:

1. Mittelorientierung statt Zielorientierung

Nach der kausalen Logik gehen wir vor, wenn wir zunächst ein Ziel festlegen und anschließend Mittel und Wege suchen, um das Ziel bestmöglich zu erreichen. Als ich vor einem Jahr anfing,  mich mit dem Thema Triathlon zu beschäftigen, hatte ich durchaus ein klares Ziel vor Augen: „Ich will einen Triathlon machen“. Im Kopf hatte ich dabei einen Jedermann-Triathlon (500m Schwimmen, 20 km Rad, 5 km Laufen) und das kam mir bereits sehr herausfordernd vor. Ich stellte mir die kausalen Fragen:

  • Wie komme ich dort hin? Antwort: Ich trainiere.
  • Und wo könnte ich dies tun? Antwort: Im Triathlon-Verein.

Dies führte mich zum Triathlon-Verein Nonplusultra Esslingen. Was dann allerdings folgte, hatte nicht mehr viel mit meinem ursprünglichen Ziel zu tun. Ich nahm nämlich in den folgenden Monaten nicht einfach nur an einem Jedermann-Triathlon teil, sondern ich wurde unerwartet Starterin in der ambitionierten baden-württembergischen Triathlon Liga, absolvierte eine Mitteldistanz (2 km Schwimmen, 90 km Rad, 21 km Laufen) und wurde Vorstandsmitglied im Triathlon-Verein. Was passiert war? Ich hatte effektuiert.

In Effectuation orientieren wir uns an vorhandenen Mitteln. Die Leitfragen hierbei sind: „Wer bin ich, was weiß ich und wen kenne ich“. Die Mittel, die ich bezogen auf Triathlon mitbrachte: enorme Begeisterungsfähigkeit sowie eine passable Grundlagenausdauer aus den vergangenen Jahren, in denen ich regelmäßig gelaufen, viel gewandert sowie Rad gefahren war. Und relativ schnell hatte ich in meinen Netzwerk Triathleten – allen voran ein super Trainer, der mich in meinem ersten Triathlon-Jahr begleitete.

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Quelle: http://www.effectuation.at  // Michael Faschingbauer

2. Leistbarer Verlust statt erwarteter Ertrag

Denken wir in der kausalen Logik, so stellen wir uns die Frage, was am Ende rauskommt. Und nur wenn uns der Ertrag hoch genug erscheint, gehen wir ein Vorhaben an. Ich erinnere mich an einen Kollegen, der ein kausaler Denker ist und mich immer wieder fragte, was denn jetzt mein Ziel sei. Ich müsste doch mindestens baden-württembergische Meisterin werden wollen, damit sich der ganze Aufwand lohne. Nun ehrlichgesagt, dafür habe ich weder das nötige Talent noch das Alter.

Als Effectuator stellen wir uns statt dessen die Frage nach dem unmittelbar leistbaren Verlust. Also, was bin ich bereit einzusetzen und zu verlieren, wenn ich den nächsten Schritt angehe, so dass es für mich persönlich in Ordnung ist. Der leistbare Verlust kann Zeit, Geld oder Reputation sein. In meinem Fall stellte ich mir vor allem die Frage nach der Zeit: möchte ich fast meine komplette Freizeit dem Triathlon widmen, also auf Kinobesuche, Kneipenbesuche etc verzichten? Diese Frage konnte ich mir mit einem guten Gefühl mit Ja beantworten. Und auch die Geldfrage spielte eine Rolle: bin ich bereit, mein Geld statt in tolle Urlaube in Triathlonausrüstung und ein Trainingslager stecken? Auch diese Frage beantwortete ich mir mit Ja und ermöglichte mir somit ein schnelles Durchstarten in diesem aufregenden Sport.

3. Umstände und Zufälle nutzen statt vermeiden

In der kausalen Logik versuchen wir Einflüsse von außen so gut es geht zu vermeiden. Sie bringen uns ja von unserem anfangs fix definierten Ziel ab. Ganz klassich die Risikopläne im Management. Und klar, auch im Triathlon möchte ich unwartete Dinge so gut es geht von mir fernhalten. Hier stehen Verletzungen und Krankheiten sicherlich ganz oben auf der Liste. Daran verändert sich auch nichts, wenn wir in der Effectuation Logik denken. Und natürlich habe ich gemeinsam mit unserem Trainer auch einen Trainingsplan erarbeitet, um mich entsprechend auf die Wettkämpfe vorzubereiten.

Vielleicht können wir aber mit unerwarteten Ereignissen etwas leichter umgehen, wenn wir uns nicht komplett auf ein einziges Ziel versteifen, wie beispielsweise, dass es die Hawaii-Qualifikation sein muss oder, dass im Jahr x die erste Langdistanz absolviert werden muss.

Ich selbst bin auch hier schrittweise vorangeschritten. Als feststand, dass ich für Esslingen mit einem Team in der baden-württembergischen Liga starte, waren die entsprechenden Sprint- und olympischen Wettkämpfe natürlich in meinem Kalender eingeplant. Dass ich aber in meinem ersten Triathlon-Jahr direkt noch eine Mitteldistanz absolviere, war so nicht geplant und hat sich während der Saison entwickelt. Denn diese lief gut, ich hatte Spaß, ein paar Triathlon Kollegen meldeten sich zur Breisgau-Mitteldistanz an, also nahm auch ich teil. Und so ähnlich beschreibt es auch die Effectuation Logik: Überraschungen werden zu Chancen verwandelt und wir ziehen Nutzen aus dem Ungeplanten.

4. Partnerschaften statt Konkurrenz

Dieses Prinzip ist für den Individualsport Triathlon erst mal schwierig anzuwenden. Die Theorie aus dem Gründungsumfeld besagt, dass wir in der kausalen Logik den einzig wahren Teampartner suchen, der die Kompetenzen mitbringt, die wir benötigen, um unser Ziel erfolgreich umzusetzen. In Effectuation gehen wir dagegen Vereinbarungen ein mit denen, die bereit sind, ihre Mittel einzubringen und mit denen wir unser Vorhaben gemeinsam gestalten. Der Vorteil: wenn wir den idealen Partner nicht finden, werden wir dennoch aktiv und verbringen unsere Zeit nicht mit dem Suchen.

Und auch hier gibt es ein schönes Effectuation Beispiel aus meinem ersten Triathlon-Jahr: recht schnell hatte ich den Wunsch entwickelt, in der baden-württembergischen Liga zu starten. Doch dafür brauchte es ein Esslinger-Damen-Team, das es schon seit einigen Jahren nicht mehr gab. In Esslingen gab es nur eine weitere Triathletin, die ebenfalls heiß auf die Liga war. Für eine Team-Meldung brauchten wir aber mindestens doppelt so viele Frauen. Hätten wir am zunächst formulierten Ziel festgehalten, mit einer reinen Esslinger-Damenmanschaft an den Start zu gehen, wären wir gar nicht in der Liga gestartet.

Statt auf die Liga zu verzichten, haben wir dann einfach verhandelt: es fanden sich eher durch Zufall ein paar Mädels aus Konstanz, die ebenfalls Lust auf die Liga hatten, aber keine kritische Masse für ein eigenes Team. Mit diesen haben wir eine Vereinbarung getroffen – es entstand eine Startgemeinschaft Konstanz / Esslingen. Aus diesem Team haben sich für mich persönlich wiederum einige tolle neue Kontakte aus der Triathlon-Community ergeben.

Das waren sie. Die 4 Effectuation Prinzipen aus der Entrepreneurship-Forschung angewandt auf Triathlon. Hier seht ihr den kompletten Effecutation-Prozess.

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Der Effectuation-Prozess Quelle: http://www.efffectuation.at // Michael Faschingbauer

Die Begründerin von Effectuation Prof. Saras Sarasvathy sagt, dass sich unternehmerisch denken und handeln mit Effectuation lernen lässt. Und man somit auch zum Effectuator werden kann. Das ist der einzige Punkt, den ich anzweifle. Mein Eindruck ist, dass wir entweder eher Planer oder Effectuator sind. Wir können uns natürlich inspirieren lassen von den entsprechenden Methoden. Aber vielleicht handelt man als Effectuator eben in allen Arbeits- und Lebensbereichen nach den oben genannten Prinzipien? Dass ich im Triathlon, den man eher mit Zielorientierung und Trainingsplänen verbindet, auch nach Effectuation Prinzipien vorgegangen bin, ist für mich ein eindeutiges Zeichen.

Unternehmer und Athleten unter meinen Lesern: ich bin gespannt, ob ihr dem zustimmen könnt oder ob ihr sagt – quatsch, das ist nur so hingebogen, Triathlon und Effectuation, das passt gar nicht zusammen.

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Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Andreas sagt:

    Ein interessantes Modell

    Gefällt mir

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