„Wenn der erste Durchhänger bei Kilometer 12 kommt…

… dann hält der Marathon noch 30 Kilometer bereit, auf denen du dich wieder sammeln kannst.“ Das könnte mein Beitrag zu den Lauf-Weisheiten sein, die heute neben den Kilometer-Angaben beim Bottwartal-Marathon standen.

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Zielzeit? Hab ich keine (oder eben doch)

Die Frage „Was ist deine Zielzeit“ wurde mir in den letzten Tagen immer wieder gestellt. Ich hatte darauf keine klare Antwort. Wenn ich meine 10 Kilometer-Zeit hochrechne, hätten eigentlich 3:30 drin sein sollen. Aber ich hatte eben auch nur ein 6-wöchiges spezifisches Marathontraining hinter mir und mein Eindruck war immer wieder, dass die 3:30 aktuell noch nicht möglich sind. Doch die Versuchung war dann doch viel zu groß, als ich heute morgen beim Start den 3:30 Pacemaker erblickte. Ich dachte „mal so ein bisschen mitlaufen und schauen wie es sich anfühlt, warum nicht?“ Und es fühlte sich die ersten Kilometer richtig gut an!

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Seite an Seite mit dem Pacemaker (C) Marbacher Zeitung

Gefühl schlägt Hirn

Ein klares Indiz dafür, dass das gute Gefühl täuscht, hätte mein Puls sein können. Der ging direkt auf über 180 hoch. Mein Plan war eigentlich gewesen, nicht über 170 zu gehen. Meinem Freund rief ich noch zu „Der Puls ist hoch, aber es fühlt sich gar nicht anstrengend an!“ und der Pacemaker neben mir beruhigte mich: „der pendelt sich schon noch ein“. Genau so war es dann auch, der Puls pendelte sich ein: auf konstante 183-185! Doch es fühlte sich auch nach 5 Kilometern immer noch so gut an. Ein weiterer Indikator hätten die schnellen Kilometer-Zeiten sein können. Ich lief keinen 5:00-er Schnitt (der eine 3:30 Zielzeit gewesen wäre), sondern einen Schnitt, der zwischen 4:40 und 4:50 pendelte. So lief ich die ersten 10 Kilometer locker, der Pacemaker sagte noch, dass wir etwas zu schnell waren und wir jetzt etwas rausnehmen.

Der Mann mit dem Gummihammer

Doch dann ging es den ersten längeren Berg hoch und plötzlich war er da – der erste richtige Durchhänger. Ich merkte, dass es so nicht weiter geht und in dem Moment stand mein Freund da und rief: „Wenn es sich nicht gut anfühlt, nimm raus!“. Und das war gut so. Schweren Herzens ließ ich die 3:30er Gruppe ziehen und es fühlte sich an, als wäre der bekannte Mann mit dem Hammer schon bei Kilometer 12 bei mir gewesen. Der sollte doch eigentlich nicht vor Kilometer 30 kommen! Aber gut, weiter – jetzt war es gefühlt joggen und kein Laufen mehr. Andere Athleten wollten mich ermutigen, aber ich war erst mal gefrustet. Ich sah schon die 4 vor meinem Endergebnis. Dann bei Kilometer 21 ein großes Stimmungsnest, ein kleiner Adrenalinschub und auf einmal hatte ich wieder das Gefühl zu laufen.

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Sieht vielleicht locker aus – tut aber so richtig weh.

Super Stimmung an der Strecke und immer weiter

An dieser Stelle auch ein riesiges Dankeschön an all diejenigen, die am Streckenrand angefeuert haben und zu einer unvergesslichen Stimmung beigetragen haben. Eine der Bands hat so eine tolle Stimmung gemacht, dass das Adrenalin durch meine Adern schoß und ich aufpassen musste, nicht schon wieder zu übertreiben.

So ging es einigermaßen human weiter mit „Ups“ and „Downs“. Mein Freund musste sich zwischendurch noch den Spruch „Was für ein Horrortrip“ anhhören. Aber es ging irgendwie. Bis Kilometer 38. Ich konnte noch so viele positive Bilder in meinem Kopf aufrufen. Es ging nicht mehr. Die Oberschenkel waren hart, das Herz-Kreislauf-System am Ende und egal wie ich mich anspornte, das war nur noch lockeres Joggen. Ich sehnte einfach nur noch die Ziellinie herbei und zählte die Meter runter. Nach 3:48:17 war es geschafft, ich war tatsächlich im Ziel, habe meinen ersten Marathon geschafft! Das war sogar noch die zweitschnellste Zeit in meiner Altersklasse. Völlig erschöpft und unfähig zum Getränkestand zu gehen, konnte ich trotz einer Zeit, die unter dem lag was ich mir erhofft hatte, glücklich sein. Glücklich darüber mich durchgekämpft zu haben, nicht erst ab Kilometer 30, sondern schon ab Kilometer 12. Dennoch nehme ich mir natürlich vor, den nächsten Marathon etwas vernünftiger anzugehen und dann erst ab Kilometer 30 so richtig zu leiden.

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Wir mit Bier im Ziel!

 

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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Katharina sagt:

    Hui, da hast du ja zeitgleich zur Ironman World Championship deine eigene „lange Leidprüfung“ gehabt 😉 Herzlichen Glückwunsch zum absolvierten ersten Marathon! Ich finde die Zeit trotzdem sehr beeindruckend, ich kann mir aktuell nicht vorstellen jemals solche Zeiten zu sehen 🙂
    Hast du noch Wettkämpfe geplant dieses Jahr oder beginnt jetzt die Off-Season?
    Gute Erholung!

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  2. Danke! Das war der letzte Wettkampf in diesem Jahr. Jetzt erst mal ein paar lockere Wochen. Mit dem Rad zur Arbeit fahren etc. Das hat mir während des Marathon-Trainings schon gefehlt. Triathlon ist einfach abwechslungsreicher 🙂

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